Leinen los in Cuxhaven

unser letzter Abend in Cuxhaven

von Cuxhaven nach Holland

Abschied in Cuxhaven.

Ein Blick in den Kalender war eine deutliche Aufforderung zum "Leinen los!"

Schon über drei Wochen liegen wir jetzt in dem letzten Nest von Deutschland an der dunklen Hafenmauer, die mit jeder Ebbe an Mächtigkeit erschreckend größer wird. Von der Plicht schauen wir in eine dunkle Grotte mit muschelbewachsenen schlammigen Betonpfählen. Jedes Wort hällt düster aus dem mächtigen Loch zurück.

Von hier gib es nur einen Weg hinaus. Der führt raus in dem braunen trüben Elbstrom immer Richtung Westen.

Also alle notwendigen Seekarten auf den Tisch und schauen, welcher Kurs uns raus aus dem ansonsten mit sehr freundlichen Zeitgenossen gesegneten Hafen nach Westen führt.

Warten auf den richtigen Wind. Noch ein paar Tage. Noch mehr warten. Anne, unser Wetterfrosch holt alle möglichen Wetterberichte über Kurzwelle, Satelitentelefon und Internet ein, so wie unser lieber Freund Nick es uns geduldig mit einigen "Nachhilfestunden" beigebracht hat.

Ein plötzliches freudiges "Jipiii" vorm Wettercomputer. "Hey, endlich! Es passt. Wir können morgen los!" Ein perfekter Nordwest soll uns hinaus blasen. Jetzt schnell das Schiff seeklar machen. Alle Deko in die Schränke und Noch schnell den Schuschrank aufräumen. Wooow! Was da alles rein passt! " Wieso habe ich die hochhackigen schwarzen denn nicht auch noch mitgenommen? Da ist doch Platz."

Okey, ich liebe sie für ihren Schuhtick. Der soll uns gerne begleiten.

Unsere inzwischen sehr lieb gewonnenen Freunde Norbert und Ines mit ihrer Tochter Lilly und unseren Freund Basti laden wir noch am gleichen Abend zu dem nun endgültigen Abschiedsabend ein. Der darf diesmal nicht zu lang und feucht fröhlich werden. Morgen um acht soll es mit dem Morgenhochwasser los gehen. Für Basti die willkommene Abwechslung im täglichen Polizei Alltag, den er schon drei Jahre im verregneten Cuxhaven fristed. Zur Zeit schaukelt ihn noch nicht einmal das Polizeischiff sondern nur der Bürostuhl der Wachstube. Da muss man durch, wenn man bald Kommandant werden will, gesteht er uns. Am Nachmittag zeigt Basti uns noch "sein Polizeischiff", die Bad Bramstedt. Durch endlose Gänge und Treppen geht's quer durchs ganze Schiff. Von der beeindruckenden 16 Zylinder MTU Maschine bis zur Kommandobrücke inspizieren wir das für uns gewaltige Schiff und gehen völlig gefesselt von so viel Eindrücken zurück auf unsere kleine gemütliche Insel mit einem "Maschinenraum" unter der Niedergangstreppe.

Und noch einen Abschied gilt es zu nehmen. Einen Abschied von der besten und liebsten Hafenmeisterin, die wir je kennengelernt haben. Stets beruhigend und motivierend hat sie uns mit ihrer fröhlichen Lebensart in allen aufkommenden Seglerfragen unterstütz. Schade das nicht alle Hafenmeister mit so viel Lebensfreude und Nettigkeit gesegnet sind. Petra, wir danken dir und wünschen dir, das auch dich eines Tages der Weg nach Westen führt und wir uns in irgendeinem Nest der weiten Welt mit mehr Sonne einmal wiedersehen.

Wir schlafen die Nacht unruhig und werden immer wieder wach. Nur noch ein paar Stunden bis zum Aufbruch. Fünf Uhr. Noch zu früh zum Aufstehen. Sieben Uhr. Raus aus der Koje. Los geht's! Pünktlich um acht Uhr legen wir ab und tuckern raus auf die Elbe. Der Strom zieht nach mit ablaufendem Hochwasser abwärts. Was ist das? Blaulicht gleich neben unserer Hafenausfahrt. Polizei! Haben wir irgendetwas nicht bezahlt? Die meinen offensichtlich uns...

Hey, da kennen wir doch einen von den zwei Wachmeistern. " Das ist Basti! Halt mal mehr nach Backbord auf die Kaimauer zu." Ruft Anne mir vom Bug aus zu.

Da steht Basti mit seinem Kollegen und hällt für uns einen Abschiedsbanner hoch, auf dem wir unser Reisemotto lesen können. "Glück Ahoi" und Gute Reise. Mit ein paar schallenden krächzenden Abschiedsworten über unser Megafon drehen wir ab, stromabwärts. Vorbei an der Kugelbarke, Tonne für Tonne geht es mit flotter Fahrt hinaus auf die Nordsee. An Backbord schaut uns ein Seehund mit seinen Kulleraugen an und wir denken an Hugo. Der schwimmt genauso gerne, nur tauchen mag er nicht so.

Die See ist ruhig. Kein Hauch vom angekündigten perfektem Nordwest Wind. Na gut, dann wird uns unser eisernes Vorsegel noch ein wenig Vortrieb bringen. Endlich Zeit zum lesen. Ich schlage mein altes etwas zerflattertes Lieblings-Segelbuch von Hugo Wehner auf, der mich schon in den Siebzigern mit seiner Idee eine andere Lebensart auf den Meeren der Welt zu suchen, begeistert hat. "Tagedieb und Taugenichts" beschreibt das abenteuerliche Leben auf einem kleinen Boot mit

immer neuen wechselnden Crews in lustiger aber auch bitterer weise bei dem einem das Blauwasserleben manchmal Ganz schön Angst machen kann.

Ein Kultbuch für Aussteiger der Siebziger. Auch im Antiquariat meist vergriffen.

Der erhoffte Wind setzt ein. Weg das Buch und Segel hoch. Zanzibar nimmt sofort fährt auf. Mit fast acht Knoten Rauschen wir davon. Das letzte Land wird kleiner und die Skyline von Cuxhaven verschwindet in einer düsteren pechschwarzen Regenwolkenwand. Vor uns blauer Himmel. Sogar das Meer bekommt endlich eine Farbe die schon fast ans Blauwassersegeln, so wie es auf den vielen Buchtiteln zu diesen Thema erinnert. Noch ist es aber eher Grünwassersegeln. Bis unsere erste Nacht auf See hineinbricht. Jetzt, nachdem die Sonne im Westen hinterm Horizont uns voraus geeilt und verschwunden ist, wird das Meer zum pechschwarzen, dunklen schäumenden Brei auf dem wir uns zwischen Himmel und Erde pflügen.

Überall kleine bunte Lichter. Leuchtfeuer, Große Ozeanriesen, trawlende Fischer die nicht trawlen aber ihre 200 Meter langes Fanggeschirr schleppen. "Wer soll das verstehen?" fragt Anne mich. Sie verteufelt ihr Sport Küsten Schiffer Lehrbuch mit all den merkwürdigen Fragen und noch viel umständlicheren und bürokratisch formulierten Antworten. "Am besten immer auf's Heck zu halten" ist mein Tipp, bevor ich mich um ein Uhr draußen auf die Bank n unserer Plicht schlafen lege.

Der Wind frisch auf. Sechs Beaufort. Mit so einem Wind hätten wir Cuxhaven niemals verlassen. Macht aber nichts. Fühlt sich gar nicht so schlimm an. Zanzibar rauscht mit über neun Knoten vorbei an Norderney, Borkum, Schiermonnikoog, Ameland, Terschelling, Vlieland und Eierland. Es wird schon wieder hell. Die Zeit rast dahin, genau wie wir. Woow, damit haben wir gar nicht gerechnet. "Haben wir ein Glück mit dem Wetter." sage ich mit andächtiger demütiger Stimme zu Anne. "Nein, wir haben die richtige Entscheidung getroffen" erfahre ich und denke einen Augenblick über ihren Satz nach. Ja, das klingt nach einem selbstbestimmten Weg, auf den wir uns gemacht haben. Entscheidungen im vollem Bewustsein all seines Wissens zum derzeitigen Zeitpunkt zu treffen - das ist Mut und Mut macht Glück. So steht es auch in meinem Ehering eingraviert. Nicht Fremdbestimmung ist Freiheit, sondern all sein Wissen und Können einzusetzen wenn uns der Bauch sagt: Do it now! Das ist jetzt unsere Freiheit mit der wir auch am Morgen an unserem eigentlichen Ziel, Den Helder, vorbei rauschen und, weil es gerade so schön ist und der Wind der Richtige ist, weiter nach Ijlmuiden, nur unweit von Amsterdam mit frischem Nordwest mächtig durchgeschaukelt den ersehnten Hafen erreichen. Das war Super! Wir klatschen uns in die Hände und fallen nach einem lang ersehnten Bier an der Strandbar selig in die Kuschelige Koje. 


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Kommentare: 3
  • #1

    Rita (Samstag, 16 Juli 2016 12:20)

    Hallo,ihr Lieben,mir kamen schon bei den ersten Zeilen die Tränen! Und ich denke an den nächsten Abschied der mir bevorsteht!!!Es ist schon der Hammer,aber ich gönn Euch von Herzen das Glück dieser Welt.Ihr macht alles richtig, genießt die Zeit,habt tolle Erlebnisse und vor allem bleibt immer schön gesund!Ich finde es genial,dass Ihr diesen Blog eingerichtet habt und wir so an Eurem Leben teilhaben dürfen.
    Alles Liebe,Schiff Ahoi und bis bald Eure Rita und Benedikt.

  • #2

    Rita (Samstag, 16 Juli 2016 12:21)

    Boa Erster!!!!!!!

  • #3

    Michi (Sonntag, 17 Juli 2016 12:42)

    Ihr Mutigen,
    ja so habe ich Euch kennen gelernt - mutig und einzigartig..
    Dieser Blog ist ja eine geniale Idee, wir werden Euch fleißig hinterher segeln und Eure Wege mit verfolgen. Hoffentlich lassen Euch die Piraten in Ruhe ziehen.
    Drücke Euch die Daumen dass Ihr den Westpol bald findet, vielleicht schickt Ihr ja eine Karte, damit ich weiß wie es dort aussieht ;-)
    Anne: "Du hast hoffentlich an genügend Prosecco gedacht?"
    Und Stefan: "Ich wette Dein Buch wird ein Bestseller!!!"

    Alles, alles Liebe und viel Glück, bis irgendwann..

    Eure Michi und Matthias