Frankreich

von Nieuwport nach Calais

von Calais nach Boulogne

Das Meer ist blau und die Luft ist lau. Genau die richtige Zeit zum Weitersegeln. Bisher hatten wir es mit den Strömungsberechnungen noch nicht so genau genommen und sind dann losgeschippert, wenn wir mit unserem leckeren Frühstück fertig waren. Das funktioniert nun allmählich nicht mehr so recht. Mit Kurs auf Calais, in Sichtweite der fast lückenlos mit grauen hässlichen "Betonbunkern" zugepflasterten Küste, kommen wir kaum noch von der Stelle. Ein kräftiger Gegenstrom hällt uns auf. Der Anblick der sowohl von unseren Großvätern mit Bunkern zubetonierten Dünenlandschaft, damals voller Stolz und größenwahnsinniger Gier mit "Atlantikwall" betitelt und später dann die verbliebenen Lücken mit Legebatterie ähnlichen grauen Beton Bettenburgen verschlossen, bleibt uns noch weit bis n die französischen Gewässer erhalten. Orte mit Namen düsterer historischer Vergangenheit ziehen an uns vorüber. Orte an denen Hunderttausende Hitlers Größenwahn mit ihren jungen Leben bezahlen mussten. Orte, die ich aus vielen früheren Erzählungen meines damaligen Schuldirektors in Erinnerung habe. Ergreifend und faszinierend brachte er damals mit seinen dort selbst life erlebten Kriegsgeschichten die gesamte Rasselbande zur Ruhe. Geschichten von siegreichen, abenteuerlichen Kämpfen in denen es anscheinend keine Toten gab.

Unser Schiff gleitet gemächlich an diesen stillen Zeitzeugen vorüber. Wir müssen aufpassen. Ein nicht sehr breites Fahrwasser leitet uns an Dunkerke ( Dünkirchen) vorbei. Gewaltige Industrieanlagen, ein Block mit sechs aneinandergereihten Atommeilern direkt am Wasser lässt an den bis dahin für niemals möglich geglaubten Supergau von Fukushima erinnern. Der Horizont verschwimmt mystisch mit den tief liegenden Wolken. Wie aus dem Nichts kommt eine graue Nebelwand auf uns zu. Die Straße von Dover. Mir schießen all die vielen Geschichten von im dichten Nebel gestrandeten Schiffen durch den Kopf. Ein Blick in die Seekarte lässt ahnen, welch jähes Schicksal hier einst viele Seefahrer ans Ende ihrer Reise gebracht hatte. Dieser Kartenabschnitt ist übersäht mit verzeichneten Wracks in allen möglichen verschiedenen Tiefen. Ohne lange Vorwarnung finden wir uns in einer undurchdringlichen dichten Nebelbrühe wieder. Gerade unseren Bug können wir noch erkennen. In der Ferne hören wir dumpfes Motorenbrummen. Die Schifffahrtslinie ist nur wenige Kabellängen (eine Kabellänge ist eine zehntel Seemeile und damit 182Meter) von uns entfernt. Jetzt sind wir richtig froh und erleichtert über unser neues Radargerät, mit dem wir zumindest auf dem Bildschirm wieder Durchblick bekommen. Ein russischer Tanker von über 200 Metern Länge wird uns mit Ziel Dunkerke angezeigt und erzeugt auf dem Display ein gewaltiges Echo. Das Motorenbrummen wird schnell lauter. "Der muss jetzt ganz nahe bei uns sein. Siehst du irgendwas?" Frage ich Anne mit nervöser, vorsichtiger Stimme. "Gar nichts sehe ich. Der muss aber irgendwo an Backbord von uns sein!" Ruft Anne von vorn zurück. Das Motorengeräusch ist jetzt schon fast neben uns. "Steuerbord!" ruft Anne mir mit erschrockener Stimme zu. Zwischen dumpfen Nebelschwaden zieht eine mächtige dunkle Schiffswand an uns vorbei. Ein Blick auf das Radar gibt mir die beruhigende Sicherheit. Wir sind deutlich außerhalb der Fahrrinne. Stillschweigend und erschrocken schauen wir dem Schattenmoster nach und sind zu tiefst erleichtert. Jetzt Kurshalten und hoffen das der Spuk bald vorbei ist. Genauso schnell wie er gekommen war, hat er sich auch wieder verzogen. Die letzten Schwaden wehen an uns vorüber. Wie ein mächtiger Vorhang öffnet sich ein neuer Blick auf die grüne französische Küste. Sonnenstrahlen geben den Blick frei. Wir spüren die Wärme auf unserer Haut. Jetzt ist Calais nicht mehr weit. "Da! An Steuerbord! Ein Delfin!" Anne ist begeistert und auch ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Ein Delfin in der Straße von Dover. Ich ändere unseren Kurs und halte direkt auf den in einem schrillen blau leuchtenden Fisch zu. "Den retten wir und versuchen ihn an Bord zu holen." Anne schnappt sich den Bootshaken und versucht den etwa ein einhalb Meter langen Fisch damit an Bord zu hieven. Nach zwei Anläufen klappt es. Wir haben ihn aus der gefährlichen Doverstreet gerettet und sind von nun an stolze Besitzer eines kitschigen leuchtend blauen Plastikdelfins. Unsere Beute bekommt einen Platz auf dem Vorschiff, auf dem ihm allerdings schon sehr bald die Luft ausgeht. Ein schlapper Körper hängt müde zwischen den Wanten. Nun wird es doch vorerst nichts mit dem gemeinsamen Baden am Strand von Calais. Schade aber auch irgendwie lustig, wie unserer Fang dort schlapp unserer Vorschiff ziert.

Mit der Abendsonne steuern wir den Hafen an. Über Funk bekommen wir die Anweisung etwa eine halbe Stunde vor der Einfahrt zu warten, bis die ein- und auslaufenden Fähren in nur wenigen Metern an uns vorbeigefahren sind. Mit einem orangeroten Sonnen Untergang im Westen laufen wir ein und machen vor der Hafenschleuse an einer Boje fest. Erschöpft schlafen wir an Deck bis zum Morgen. Schön ist es hier nicht wirklich. Aber trotzdem packen wir unsere Klappräder aus und

erkunden die Stadt. Ein beeindruckendes Museum zum Belagerungszustand der Deutschen im zweiten Weltkrieg entführt uns in die düstere Zeit des Krieges mit all seinem Grauen und Leid den die Deutschen Nazi Schergen dort angerichtet hatten. Bedrückend. Stillschweigend verlassen wir den Museumsbunker und wenden uns lieber den Genüssen der französischen Küche zu. Miesmuscheln in Weißweinsauce. Wir sind begeistert!

Leicht wankend, entweder noch von den Schiffsbewegungen der letzten Tage oder vom leckeren Weißwein, radeln wir hochkonzentriert die mittlerweile ganz schön schmal gewordenen Radwege zurück zum Schiff.
Das soll es gewesen sein mit Calais.

Wir wollen weiter und nehmen am nächsten Morgen mit dem Hochwasser Kurs auf Bologne sur Mer. Mit rauschender Fahrt brauchen wir gerade mal drei Stunden für die 24 Seemeilen.
Die Hafeneinfahrt ist riesig und doch so undurchschaubar. Immer wieder Rätseln wir an welcher Seite der mächtigen Hafenmauer wir die Einfahrt passieren sollen. Überflutete alte Molen an Backbord, ein uns völlig unklarer riesiger Poller, so groß wie ein mehrstöckiges Wohnhaus und dahinter ein riesiger Vorhafen mit scheinbar endlos viel Platz um in Ruhe die Segel zu bergen. Die Tide ist gewaltig! Ein ablaufender Strom kommt uns entgegen. Alles gut! Wir sind drin. Segel runter , die Fender anbändseln und weiter in den ruhigen Binnenhafen. Herrlich! Im sicheren Hafen und immer wieder spannend, was es zu entdecken gibt. Anne steht an den Wanten, (das sind die Stahlseile, die unseren Mast vorm Umfallen bewahren sollen), und wir klönen entspannt über das was uns in der Stadt erwarten wird. Ein gelegentlicher Blick aufs Echolot, um mich zu vergewissern, ob trotz Ebbe noch genug Wasser für unseren 2,30 Meter tief in Wasser ragenden Kiel da ist. Oh nein! Mist! Was ist das denn? Nur noch 1,10 Meter unter unserem Kiel. Wo sind wir? Ich verliere trotz Navigationsgerät kurz die Orientierung. Da! Eine grüne Tonne, und da eine gelbe Untiefe! Nein! Sekunden vergehen. Ich ahne in Bruchteilen von Sekunden das Schlimmste. Erschrocken schaue ich Anne an und denke: das wars dann wohl. Sollte hier gleich unsere Entdeckungsreise zum Westpool zu Ende sein. Gleich wird es rummsen. Null Meter auf dem Echolot! Ich vermag in diesen Sekunden keine klare Entscheidung zu treffen. Mit einer schwungvollen Vorwärtsbewegung sehe ich Anne, wie sie sich gerade noch an den Wanten klammern kann und dann steht Zanzibar fest und sicher im Hafenschlick von Bologne sur Mer.

Mir schießen Bilder von flach auf der Seite liegenden, verirrten gestrandeten Waalen und mein altes Buch von Schiffsstrandungen durch den Kopf. Wenn jetzt das Wasser noch weiter in dem Tempo abläuft, können wir zu Fuß an Land gehen und ein eben solches Bild von unserem Schiff machen.

Ich greife zum Funk und setze einen Hilferuf ab. "Da kommt ein Fischer! " ruft Anne und schreit zu ihm rüber. Erleichtert sehe ich wie er seinen Kurs auf uns zu ändert. " Do you have Fish ?" ruft sie zu meinem Erstaunen herüber. "No, no Fish. We have no fish." Kommt es in nur schwer verständlichem Englisch aus französisch normannischen Fischermund zurück und der Kutter dreht bei. Oh je, hoffentlich ziehen die nicht gleich wieder ab. Ich halte schnell fuchtelnd eine dicke Leine in die Luft, um zu signalisieren, was wir noch wichtiger brauchen als Fisch. In hektischer Fährt nähert sich der Fischkutter erneut. Die dicke störrische Trosse landet auf unserem Vorschiff. Schnell das nach gammeligen Fisch riechende Ende irgendwo vorne am Ankerbeschlag festgetüddelt und schon ruckt der aufgeregte Fischkaptain an. "Stooopp!" Ich sehe schon schon unseren gesamten Bugkorb ohne uns mit dem Kutter davon rasen. Leine wieder los. Nochmal einen neuen Anlauf. Erneut binde ich den dicken Tampen irgendwo fest. Jetzt klappt es. "Aaneee! Schnell ans Ruder! Gib Vollgas !" Erstaunlicherweise folgt sie diesmal ohne Worte meinem "Befehl". Der Kutter Käptain ruckt erneut an. Zanzibar bewegt sich schleppend langsam mit dem Bug zurück Richtung Fahrwasser. Anne gibt alles und legt den Gashebel bis zum Anschlag nach vorn. Der gut gehegte Diesel muss das erste mal richtig Leistung bringen. Ich kann es kaum glauben. Was unserer Diesel mit voller Kraft rückwärts nicht vollbracht hat, funktioniert. Wir schwimmen wieder. Irgendwie versuche ich die Fischer zum Anhalten zu bringen. Voller Eifer des Erfolges ziehen und ziehen sie weiter. "Stoooop!" rufe ich. Alle an Bord rennen hektisch durcheinander. Und so,schnell wie sie zur Stelle waren, sind sie auch wieder in irgendeinem verschlammten Hafenbecken verschwunden.

Ich begutachte unseren Bug. Alles heil geblieben.
Wir schauen uns fragend an. Was war denn das jetzt? Ist uns das wirklich passiert?

 

Innerlich zittere ich. Ganz gemächlich mit starrem Blick auf unseren Kartenplotter suchen wir den Weg durch die Fahrrinne in unser Hafenbecken. Durch die fast neun Meter hohen, von der Ebbe freigelegten, mit Muscheln behangenen Pfahlschluchten hangeln wir uns erschrocken zum Anleger. Geschafft! Das war knapp. Und wir sind trotz Allem noch schneller im Hafen, als die belgische Yacht, die wir auf See noch so ehrgeizig überholt hatten. Wir klatschen uns stolz in die Hände und forschen sogleich in der Kühlung nach irgendetwas leckerem trinkbaren, mit dem wir unseren gewonnenen Kampf gegen die Untiefen des Meeres besiegeln konnten. 

...

Boulogne

Ich bin zurück in unserer neuen Welt. 2600 Km liegen hinter mir. Ein notwendig gewordener Ausflug zurück in meine alte Welt war nicht zu vermeiden. Dinge mussten noch geregelt werden, zu denen man mich unbedingt anwesend sehen wollte. Fast wie in alten Zeiten sause ich zurück nach Frankreich. Zeiten in denen ich kein Jahr mit weniger als 50.000km im Auto auf der Straße verbracht habe. Durchschnittlich bin ich 70km/h gefahren. Das sind etwa 700 Stunden im Jahr oder auch 29 Tage lang 24 Stunden im Auto! Ich bin gerne gefahren. Und oft habe ich mich gefragt, was ich mit der Zeit sonst angefangen hätte. Lebenszeit der Beschleunigung. 700 Stunden Lebenszeit mit extra hohem Risiko, zu den 3.500 Verkehrstoten oder Zehntausenden Verletzten zu gehören. Wie hoch ist dagegen das Risiko bei einem Seeunfall zu schaden zu kommen?

"Das Leben teilt uns die Karten aus. Spielen müssen wir selbst."

Mit dem Risiko zu verlieren. Und dem Glück, zu gewinnen.
Nun ist das Blatt für uns neu gemischt. Mut zum Spiel! Denn Mut macht Glück. So steht es in Anne's Ring graviert, den ich ihr am 19.5.2012 an ihren linken Finger gesteckt habe.
Ein neues spannendes Spiel hat begonnen. Erschöpft stelle ich das Mietauto ab und freue mich, Anne wieder zu sehen.
Und auch unsere Freunde von der "Kopernik", Innes, Lilly und Norbert und der zottelige vierbeinige Ojo, treffen wir in Bologne sur Mer wieder. Es gibt viel zu erzählen. Die ersten langen Meilen seit Cuxhaven liegen hinter uns. Der französische Wein schmeckt ausgezeichnet. Dazu gibt es Hai. Anne und Ines zaubern ein perfektes Mal.
Gemeinsam überlegen wir, welche Route diesmal gegen den noch immer vorherrschenden West Wind die Beste nach Westen ist, um aus dem englischen Kanal heraus zu segeln.
Am Tag darauf legen wir ab. Erst die Kopernik und eine Stunde später wir...

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Kommentare: 4
  • #1

    Bianca W. (Donnerstag, 04 August 2016 23:55)

    Oh...so spannend. ..gut geschrieben!

  • #2

    Brigitte und Michael (Mittwoch, 10 August 2016 00:30)

    Happy Birthday

  • #3

    Lilli Zeifert (Donnerstag, 11 August 2016 23:40)

    Wirklich schöner Blog! Ich freue mich auf noch mehr gemeinsame Momente und immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel... :-)

  • #4

    Martin von der Morana (Dienstag, 30 Januar 2018 07:27)

    Hallo ihr beiden

    Wir haben in Boulogne 2016 kurz am gleichen Steg gelegen. Nachdem abendlichen Smalltalk mit dir Anne während du im Cockpit sasst und auf Stefan gewartet und am laptop gearbeitet hast haben wir, meine beiden Töchter Maria und Martina euch auf marinetraffic bis nach Brasilien begleitet. Nach der südwestlichen Kurs Richtung von den Kapverden hieß es bei uns nur, die segeln nach Brasilien. Wir haben mitverfolgt wie ihr step by step immer ein Stück weiter gesegelt seid bis zu eurem Sprung nach Südamerika herzlichen Glückwunsch und weiterhin gute Fahrt.

    2017 habe ich es mit meinen Töchtern immerhin zu den Channel Islands geschafft, dieses Jahr plane ich England einmal rund, dies ist für mich nicht so einfach da nach einem Schicksalsschlag meine Co-Pilotin fehlt. Unser Boot eine Jeanneau 43 DS hatten wir gemeinsam ausgesucht um nach der Flucht aus dem Alltag noch einige Jahre im Mittelmeer eventuell weiter zu verbringen...step by step...
    Wir hatten beide gelernt mit dem Sextanten umzugehen für die große Fahrt halt aber da hatten wir wohl ein schlechtes Blatt... ich freue mich für euch wie weit ihr es bisher geschafft habt und drücke euch weiterhin fest die Daumen.

    Ich stecke natürlich nicht den Kopf in den Sand und bin guten Mutes in diesem oder nächsten Jahr längere Segelreisen zu ,habe allerdings nicht den Ehrgeiz mehr um die Erde zu segeln.

    Bei dem kurzen Smalltalk sagte mir Anne dass ihr einen Blog geschaltet habt bzw eine Website die habe ich heute gefunden und möchte euch über diese weiterhin viel Glück und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel wünschen.

    Alles gute von der Morana
    (Zur Zeit im Winterlager in Roermond an der Maas)

    Martin