England

Stetiger Wind aus Südwest. Wieder einmal genau von dort, wohin wir wollen. "Ich war noch nie in England. Was meinst die?" frage ich Anne. Ohne Worte schauen wir uns an, nehmen die Botschaft des Windes als Zeichen und ändern unseren Plan. Mit rauschender Fahrt sind wir in wenigen Stunden am Abend drüben auf der Insel, die noch zu Europa gehört. Alles passt. Mit dem letzten gerade noch ausreichenden Niedrigwasser zwängen wir uns in die enge Schleuse vom Eastbourne. Wir freuen uns über die spontane Planänderung und gönnen uns eine Flasche aus unseren französischen Weinvorräten.
Ein wirklich interessantes lustiges und sehr freundliches Völkchen hier auf der Insel. Nicht nur der Linksverkehr vermittelt uns eine Vorstellung vom Eigenleben, auch die Essgewohnheiten lassen sich nur unschwer unter den pink und rosafarbenen Kleidern des weiblichen Inselgeschlechts erahnen. Was es leckeres auf der täglichen Speisekarte gibt, erfahren wir bei einem Besuch im gigantischen Supermarkt gleich hinter dem Hafen. Unfassbar, was man aus Zucker, Fleisch und Fett alles machen kann!
Wir bleiben unseren neuen Essgewohnheiten treu, trotzen dem verlockenden Neuigkeiten und finden erstaunlicherweise weizenfreies Brot und sogar auch Obst. Aus der eigentlich benötigten Kleinigkeit werden prall gefüllte Packtaschen, Rucksäcke und Plastiktüten deren wie Gummibänder überdehnten Henkel gerade so bis an Bord halten.

Neben uns liegen Klaus und Eva aus Köln mit ihrer Swan. Ein wunderschöner Klassiker der 80er Jahre.
"Wir wollen morgen nach Beachy Head und dann über die Seven Sisters wandern. Habt ihr Lust mitzukommen?" fragt Klaus. Klingt spannend und die Windvorhersage ist nicht der Richtige für die nächsten Tage. "Wir sind dabei." entscheiden wir kurzentschlossen. Was Beachy Head für einige deprimierte, nicht mehr lebensfrohe Geister für eine magische Anziehungskraft besitzt und über welche Seven Sisters wir steigen werden, das erfahren wir am Tag darauf. Voller Kraft und Energie treten wir gemeinsam in die Pedale, stellen unsere Klappräder "am Fuße der Berge" ab und beginnen unseren Aufstieg. Nach dem tagelangen Sitzen an Bord sind selbst die 167 Meter hohen Klippen von Beachy Head eine kleine aber ziemlich atemberaubende Herausforderung. Geschafft!

Wir sind oben und haben einen atemberaubenden Ausblick auf die Kreideklippen die sich senkrecht in die Tiefe bis in die tobende Brandung der aufgewühlten See hinab verlieren. Nur ein kleiner Schritt noch, und man gehört zu den jährlich über 80 lebensmüden Geistern, die hier ihre letzte Reise per freien Fall in die Tiefe angetreten haben. Ob es alle freiwillig getan haben, verraten die vielen kleinen Kreuze, die untröstliche Hinterbliebene aufgestellt haben nicht. Der kräftige, kühle Wind und die für uns nicht nachvollziehbaren vielen endgültigen Entscheidungen der vom Lebensmut verlassenen lässt es uns kalt über den Rücken erschauern. Fragen nach dem Warum und dem "Wie" lassen uns nicht los. Eine Achtzigjährige Mutter mit ihrem Sohn sprang hier in ihr gemeinsames Ende, weil auf seinem Computer Kinderpornos entdeckt wurden. Ein Paar Mitte dreißig hat der Lebensmut verlassen, weil sie,den Tod ihrer kleinen Tochter nicht überwinden konnten. Mit der Leiche der kleinen im Rucksack hat man sie weit unten zwischen den Felsen kurz vorm Strand am Fuße des alten Leuchtturmes gefunden. Keiner schafft es hier bis ins Meer. Die Lieblingsstelle der Mutverlassenen endet hier lediglich am schrägen Hang, tief unten, irgendwo zwischen den immer wieder herabstürzenden Felsbrocken. Ob das wohl jedem vorher klar ist, fragen wir uns und wir fragen uns, ob es im Flug eine betäubende Schockstarre gibt, die den Aufprall nicht erlebbar macht. Klaus meint, nein. "Denn sonst würden Fallschirmspringer ihren Fall ja auch nicht bis zum Ende erleben." argumentiert er sachlich.
Beachy Head ist nach der Golden Gate Bridge und einem Ort in Japan der grausige Favorit auf Platz drei der beliebtesten Selbstmordplätze.
Geschichten von mystischen Feen, die Menschen mit ihrem Ruf verführen und einem Mönch der seit Jahrhunderten an diesem Ort Rache für den hier an ihm begangenen Mord übt, grassieren und auch ein Polizist der hier seinen Dienst tut, weiß über mystische Begebenheiten zu berichten. Auch wenn wir hier kurz vor dem Abgrund stehen, fühlen wir uns mit beiden Füßen in unseren, extra für Landausflüge mitgenommenen Wanderschuhen, fest auf dem Boden und hören zum Glück niemanden rufen.
Und so setzen wir nachdenklich aber voller Neugier unseren Fußmarsch fort. Auf dem nächsten Hügel findet sich direkt am Abgrund eine kleine Gruppe von Menschen zusammen. Zu ihnen eilen zwei Polizisten und durchsuchen den zurückgelassenen Rucksack nach Hinweisen auf den soeben ins Himmelreich aufgestiegenen Zeitgenossen, um dann den unliebsamen Job nachzukommen, möglichen Angehörigen von dem jähen Ende zu berichten. Die hier täglich patrolierenden Seelsorger kamen offensichtlich zu spät, denn auf unserem weiteren Weg erst, kam uns ein älterer Mann mit neon gelb farbener Jacke mit der Aufschrift "Chaplain" entgegen.
Das reicht uns endgültig. Weiter mit konzentriertem Schritt und noch eine weile wortlos wandern wir durch das Teletabby-Land und unsere Freude über die grünen sanften Hügel die dann in Schneeweißen steilen bizarren Wänden im Meer enden, überwiegt.
Der Weg führt uns weiter über die, in fast unwirklich schönen Schwüngen folgenden sieben Hügel, den "Seven Sisters" .
Es ist wunderschön ! Wir freuen uns des Lebens und genießen die Anstrengung und die Vorfreude auf ein leckeres kühles Bier. All das und noch viel mehr ist den armen Seelen von Beachy Head verloren gegangene. Und doch finden wir, das es deren selbstbestimmte Entscheidung gewesen ist, die jedem zusteht und die es zu respektieren gilt.
Erschöpft und froh steigen wir in den nächstbesten Bus zurück, um den 16 Kilometer langen Fußmarsch nicht noch einmal laufen zu müssen. Der nächste Bus war es, aber nicht der Beste. Ahnungslos fuhren wir zurück "down Town". Stop! Schnell raus hier, sonst laufen wir wieder ein paar englische Meilen zurück zu unseren Klapprädern. Alle raus und, welch eine ermüdende Erkenntnis: noch zwei einhalb Meilen bis zu den Rädern. Ok, demütig trotten wir verstört vom Linksverkehr mal rechts, mal links die endlose Straße entlang, in der Gewissheit unsere müden Knochen irgendwo in einer gemütlichen Bar auf einem Hocker beim kühlen Boer erholen zu dürfen. Und so kam es. Welch ein Tag! Welch ein Bier! Ohne Schaumkrone dafür aber mit,ganz wenig Kohlensäure. Anscheinend english Style, wie wir später in verschiedenen Kneipen lernen werden.
Wir wollen weiter. Morgen passt der Wind! Und wir sehen sind so gespannt auf den Moment, der uns bevor steht, den wir schon längst erwartet hatten, aber wegen widriger Winde doch noch nicht erreicht haben:
Die Überquerung des Null-Meridians!

Heute ist es wohl soweit. Hinaus aufs Meer, die Segel hoch und mutig in die immer steiler werdende See. Wir kommen gut voran. Hoch am Wind, ( dabei kommt der Wind fast von vorn und das Schiff hämmert, je nach Wellengang unaufhörlich gegen die Welle und droht, aber nur gefühlt, auseinander zu brechen.)
Gespannt beobachten wir unser GPS. Nur noch wenige Sekunden. Anne, die Fotografin bewaffnet sich mit der Kamera um das Display im entscheidenden Moment zu fotografieren. Ich hocke unten in der Navi und starre gebannt auf das andere Display. Jetzt! Hier ist er. Ab jetzt sind wir zumindest, wenn man sich der Weltanschauung der damaligen navigatorischen Weltherrschaft Englands anschließen möchte, im Westen. Ab hier steht ein "W" im GPS Display. Der Osten liegt hinter uns und der immer währende Westwind mal wieder vor uns. Bis auf die,Tatsache, das im entscheidenden Moment Annes Kamera ihren Dienst versagt, sind wir glücklich, diesen für uns wichtigen Zwischenschritt geschafft zu haben. Und schon ist das nervenaufreibende Gegenanngeballer gar nicht mehr so schlimm. Schlimmer war dann das Einlaufen bei starken Wind in Porthmouth ohne funktionierendes Bugstrahlruder. Genervt und doch froh Zanzibar heil an die Pier manövriert bekommen zu haben, beenden wir den Tag etwas früher als sonst.

Eine Woche England liegt jetzt hinter uns. Hafen für Hafen kämpften wir uns gen Westen durch den Solent zwischen der Isle of Wight und dem Mainland. Die Tage mit "dem Wind der niemals passt "nutzten wir für Ausflüge mit dem Klapprad quer über die wunderschöne Insel. Cowes, der Ort an dem der Segelsport vor über hundert Jahren seinen Anfang nahm. Und Yarmouth, ein gemütliches Städtchen mit dem legendären englischen Bier ohne Kohlensäure und Schaumkrone und seinen lieben freundlichen Menschen sollte unsere letzte Station im Reich der Euro verlassenen Rechtslenker sein.

Gegen den mächtigen Strom des Solent motoren wir mit unserem 100PS an und halten Kurs auf die "Needles" . An diesen bizzar aus dem Meer ragenden, schneeweißen Felsen zerschellten in Zeiten vor GPS und starker Motoren bei dichtem Nebel unzählige stolze Großsegler, deren Kapitäne sich noch auf hoher See geglaubt haben und deren Mannschaft sich nach langer entbehrlicher Reise schon fast zu hause gehofft haben.

 

Für uns geht es gut aus. Wir haben all das moderne Zeug an Bord und können uns deshalb überwältigt von der Schönheit dieser Landschaft freuen.
Mit einem Gefühl der Ungewissheit haben wir auch an diesem Morgen den sicheren Hafen verlassen. Das fällt uns beide jedesmal schwer. Den sicheren Hafen erneut zu verlassen, mit einer nur ungefähren Ahnung was das neue Seestück für uns bereit hält. Wir wird es werden. Tritt die Wettervorhersage so ein, wie versprochen? Hält das Schiff? Wie wird die bevorstehende Nacht? Kommen wir mit,dem Seegang klar oder überkommt uns doch einmal die Seekrankheit? Die vielen großen Schiffe auf der Hauptschifffahrtsroute die wir zu queren haben.... Viele offenen Fragen, die jeden von uns beschäftigen. Fragen und Gedanken die wir lieber nicht aussprechen, die wir mit uns selbst ausmachen. Und doch folgen wir unserer inneren Stimme, machen immer wieder aufs Neue alles seeklar, ziehen die Leinen an Bord und segeln ohne viel Worte, aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch los. "Twende" rufen wir uns zu. Ein Wort, das wohl einzige, welches uns von einer Reise durch Tansania von unserem afrikanischen Freund Warimba aus dem Wortschatz Suaeli übrig geblieben ist. Twende heißt "weiter". Weiter soll es gehen. Weiter ist das Leben. Das Leben ist nicht "Anhalten", nicht Stop und nicht zurück. Weiter so wie die Bäume wachsen. Sie hören so lange sie leben, niemals auf zu wachsen. Wachsen ist der natürliche Gang des Lebens, schon Monate vor Beginn unserer Geburt geht es unaufhaltsam weiter. Twende, ist Erweiterung. Ist Wachstum und Entwicklung. Twende ist stärker als Stillstand. Dieser Kraft folgen wir und lassen uns vertrauensvoll darauf ein und spielen die Karten die das Leben uns ausgeteilt hat.

Von Frankreich nach England

Eastbourne

Beachy Head & Seven Sisters

0 Meridian

Isle of Wight

Bye, bye England

Stefans Geburtstag von England nach Frankreich

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Kommentare: 8
  • #1

    Bianca W. (Donnerstag, 04 August 2016 23:39)

    Immerwieder schön von euch zu lesen und die Bilder sind traumhaft! Eine interessante Küste...

  • #2

    Die Nachbarn von gegenüber (Sonntag, 07 August 2016 21:57)

    Liebe Anne, lieber Stefan, die Bilder und die tollen Berichte sind für uns kleine Oasen im Alltag. Vielen Dank dafür! Passt weiterhin auf euch auf!!!!!

  • #3

    Brigitte und Michael (Mittwoch, 10 August 2016 00:40)

    Happy Birthday

  • #4

    Brigitte und Michael (Mittwoch, 10 August 2016 00:45)

    2. Versuch:
    Happy Birthday lieber Stefan,
    zu deinem Geburtstag gratulieren wir dir ganz herzlich und wünschen dir für dein neues Lebensjahr alles erdenklich Gute, vor allem aber Gesundheit und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel. Genieße deinen Ehrentag, lass dich von deiner Anne verwöhnen und fühl dich freundschaftlich umarmt. Wir verfolgen mit Spannung und Freude eure Reiseberichte...
    Alles Liebe und herzliche Grüße, Brigitte und Michael

  • #5

    Jutta Meier (Mittwoch, 10 August 2016 14:52)

    Liebe Anne und Stefan
    Dir Stefan unbekannterweise aber nicht weniger herzlich alles gute zum Geburtstag!!! Lass dich von Anne verwöhnen!!!

  • #6

    Jutta Meier (Mittwoch, 10 August 2016 14:57)

    Liebe Anne und Stefan
    Dir Stefan unbekannterweise aber nicht weniger herzlich alles gute zum Geburtstag!!! Lass dich von Anne verwöhnen!!!
    Danke auch für euren Blog. Es ist so schön, euch hinterher zu segeln....(wenigstens in Gedanken ) mit euren wunderschönen Fotos kann ich es mir gut vorstellen Danke
    Ich wünsche euch beiden weiterhin eine spannende Reise und eine dicke Umarmung eure ....xoxo Jutta

  • #7

    Rita (Mittwoch, 17 August 2016 14:05)

    Hallo,ihr Zwei!Ich melde mich aus Griechenland zurück!!!!Erst einmal alles Liebe,Glück und Gesundheit nachträglich für dich Stefan!Es grenzt schon an Wahnsinn,wie die Zeit vergeht!Es freut mich sehr ,das ihr wohlauf seid und alles gut verläuft.Die Fotos sind sehr schön und die Landschaften atemberaubend,es macht viel Spaß,Eure Berichte zu lesen. Der Urlaub mit meiner Mutter war doch ziemlich anstrengend,ich musste sehr viel Rücksicht nehmen,aber es gab keine großen Reibereien,das ist ja auch schon was!!!Benedikt war gerade im Tropeninstitut und hat sich diverse Impfungen geben lassen (Hepatitis,Tollwut,Gelbfieber und Japanische Enzephalitis) und der Geldbeutel hat nur so gewackelt!!!!!Aber es ist schon besser so.
    Lasst es Euch gut gehen und Schiff Ahoi,ganz liebe Grüße Eure Rita.

  • #8

    Miriam und Sören (Sonntag, 28 August 2016 21:33)

    Hallo ihr beiden! Der alte Mann und das Meer... Geburtstag auf hoher See... He Stefan, jeder Werbedesigner lebt für diese Vorlage... Wir lesen interessiert eure Reiseberichte! Wir hoffen ihr segelt weiter in kalkulierbaren Gewässern und sind gespannt auf neue, ausführliche Geschichten über Land, Wasser und Leute... Seid lieb gegrüßt!