531 Seemeilen der Wärme entgegen

"Immer wenn's am schönsten wird muss man aufhören!"

Diesen Satz meiner Oma habe ich nie verstehen wollen, aber er kommt doch immer wieder wie eine Selbstprophezeihung in meine reale Welt. Jetzt aber bestimmen wir den Zeitpunkt und auch den Grund aufzuhören selbst. Dann ist auf jeden fall nicht mehr die Oma von damals daran Schuld. Seit ein paar Tagen breitet sich in uns die Neugier auf neue Ufer aus. Wir leben in einem Zustand von leckerem portugiesischem Essen, Freunde treffen, Vinho Branco genießen, Hafengeborgenheit einerseits und Neugier, Wetterchecken, Gespanntheit, ein wenig Angst vor dem was kommen kann und mit anderen Crews immer wieder Wetterchecken auf der anderen Seite. Die Prognosen sehen gar nicht so schlecht aus. Unseren ursprünglich geplanten Stop auf Madeira verwerfen wir und entscheiden uns, direkt auf die Kanarischen Inseln zu segeln. Viele Schiffe    wollen dort hin. Deshalb gibt es auch viele Wetterprognosen, die sich aber eigentlich nicht so sehr von einander unterscheiden. Wer viel fragt bekommt viele Antworten. Wir fragen lieber nicht so viel und entscheiden uns, morgen los zu segeln. An unserem letzten Abend streifen wir mit den  Crews von der "Herr Nilsson" und der "Mira Polaris" auf Nahrungssuche durch die kleinen Gassen von Lagos. Bis sieben Leute alle der Meinung sind, jetzt das Richtige gefunden zu haben, vergeht der Abend und die ersten Restaurants haben schon wieder geschlossen. Wir lassen uns in perfektem Englisch von einem Kellner überreden, seine leckere Küchen zu probieren. Schnell werden ein paar quadratische Tische durch den engen urigen Raum geschoben und wir sitzen allesamt in einer lustigen Runde zusammen. Der Koch präsentiert höchst persönlich seinen noch rohen Fisch und blutigen Fleischstücke. Ein Ire, offensichtlich nicht mehr ganz mit sich allein unterwegs. Entweder auf Extasy oder einfach nur ziemlich bekifft, aber er scheint seine Kochkünste noch zu beherrschen. Aus den grauseligen Rohlingen zaubert er uns ein deftiges sehr leckeres Mahl! Zufrieden verabschieden wir uns herzlich wie von alten Freunden als letzte Gäste von der gesamten Kochenden und Kellnernden Truppe. Und noch ein Abschied von den zwei netten Jungs von der "Mira Polaris". Man sieht sich irgendwo westwärts irgendwann bestimmt wieder.

Jetzt schnell in die Koje und ein bißchen schlafen. Ab morgen gibt's Schlaf für die nächsten fünf bis sechs Tage nur noch sehr dosiert in kleinen Mengen. 

Wir wachen schon früh auf und sind aufgeregt vor unserem bisher längstem Seestück. 531 Meilen hat Anne's Navigation ergeben. Das ist die Strecke von Flensburg nach München! Kurs 217 Grad nach Südwest. Aus Ost weht noch immer ein kräftiger Wind mit 6 bis 8 Baufort durch die Straße von Gibraltar. Wellen bis 4 Meter flößen uns Respekt ein, machen uns aber mittlerweile keine Angst mehr. Wenn wir erst den 35. Breitengrad erreicht haben, soll es ruhiger werden. Sogar ziemlich ruhig. Das wird eine erst spannende und dann eine entspannte Überfahrt. Schnell noch unsere Dreizimmerwohnung in ein für die raue See taugliches Schiff zurück verwandeln, aus checken, Motorcheck, Seekarte auf dem Salontisch festkleben, Seeventile zu und es geht los. Wir sind draußen mit der "Lady Sunshine" verabredet, die schon zwei Stunden vor uns gestartet ist.

Um 14:00 Uhr stampft Zanzibar in die vom frischen Ostwind aufgewühlte türkisblaue See. Unter Großsegel und gereffter Genua (das verkleinerte vordere Dreieckssegel) nehmen wir schnell Fahrt auf. Die Wellen werden größer und krachen breitseite gegen unsere Bordwand. Der Bug steigt die Wellenberge hinauf, saust gleich darauf ein paar Meter hinab. Wir machen rauschende Fahrt. Es wird bald dunkel und die Algarve versinkt am nördlichen Horizont im grauen Abenddunst. Die erste Nacht liegt vor uns. Uns überkommt ein mulmiges Gefühl von Angst und Ungewissheit. Die Nächte auf See sind lang und Pech schwarz. Es gibt keinen Mond. Dunkle Wolken fegen tief über das schäumende Meer. Heftig geht's auf und ab. Anne geht es prima! Mir nicht so prima. Jetzt bloß nicht an den Wein und schon gar nicht an den Fisch von gestern Abend denken. Wer weiss, was dem bekifften Koch da außer dem Fisch noch alles in die Pfanne gefallen ist. Ich werde anscheinend verdächtig ruhig und ziemlich wortkarg. Eigentlich wollte ich es Anne nicht spüren lassen, aber sie kennt mich sehr gut. " Soll ich dir einen leckeren Brei mit Obst machen?" Fragt sie mich besorgt. Ich denke, prima, Essen hilft bestimmt. Das habe ich meinen Mitseglern in dieser Situation auch immer erzählt. Ich bewundere Anne, in welch kurzer Zeit sie in einer Pantry, in der man sich kaum auf den Beinen halten kann, in der man aufpassen muss in welchem Moment man die Schranktür auf macht und die Milch aus dem Kühlschrank holt, oder sich doch lieber ganz schnell an irgendetwas greifbarem festklammert um nicht mit all dem Zeug gegenüber in der kuscheligen Sofaecke landet, trotzdem etwas leckeres zaubert. Sie ein unglaubliches Geschick entwickelt, den unzerbrechlichen "Futter Napf" mit leckeren Dingen zu füllen, Tee zu kochen und das Ganze auch noch sicher an Deck zu balancieren. Ich sitze von der See hin und her und auf und ab gerüttelt stark verlangsamt und geschwächt in der Plicht und nehme stillschweigend den Haferbrei entgegen. Löffel für Löffel versuche ich zu genießen was mir sonst immer so lecker schmeckt. "Anne beobachtet mich und schaut mich fragend an. Ich zeige zu dem schwarzen Eimer. Der Eimer der uns ein treuer und wichtiger Begleiter geworden ist. Unser alter robuster Gummieimer von unserem Traditionssegler "Charlotte", der Eimer der Anne davor bewahrt, bei jedem Toilettengang unter Deck zu gehen, der Eimer, in dem unsere frisch gefangenen Makrelen, Bonitos und anderes Meeresgetier von innen nach außen gekrempelt werden.

Wortlos reicht sie mir genau diesen Eimer, der von nun an einen weiteren Zweck erfüllt. "Du brauchst nicht in den Eimer brüllen, die Fische antworten nicht mehr!" Echt lustig, Anne, denke ich und versuche es nochmal. Geschafft! Jetzt geht's mir schon viel besser. Anne schmeist den Laden, steuert, navigiert checkt Segel und Lichter in dem gerade erreichten vielbefahrenen Verkehrstrennungsgebiet um das Cabo Sao Vicente. Sie kuschelt mich in unsere warme Decke und ich falle in einen tiefen Schlaf und vertraue ihr. Sie macht das schon und ich mach das diesmal dann wohl nicht. Alle fünfzehn Minute klingelt ihr Handywecker. Im Halbschlaf sehe ich, wie sie einmal rundum in die schwarze Nacht schaut und sofort wieder auf ihrer "Hundedecke" zusammengekringelt am Boden einschläft. Irgendwann wird es hell. Gar nicht mehr weit voraus kämpft sich die Sunshine Family nach Südwest voran. Es fühlt sich so gut an, zu wissen, das wir nicht allein sind.

Wie schön! Ich bin wieder fit und voll dabei und Anne ist müde. Gerade ist sie auf ihrem Platz auf dem Boden zwischen den Bänken und den Tischbeinen auf der "Hundedecke" eingeschlafen, als die Segel beginnen heftig zu schlagen. Die Hundedecke die in Wirklichkeit keine ist, denn die haben wir unserem Bernasennenhund "Hugo" vor unserer Abreise natürlich zu Hause gelassen, aber es sieht wirklich so aus wie Hugo, wenn Anne da in die Ecke gekuschelt vor dem Niedergang liegt. Ein sicheres Plätzchen von dem man nicht runterfallen kann. Wir könnten auch unter Deck schlafen. Das haben wir mal ausprobiert, doch draußen an der frischen Seeluft und in der sicheren geborgenen Nähe zum Anderen, fühlen wir uns wohler. 

Der Wind ist wie von Geisterhand abgeschaltet und dann genau um 180 Grad gedreht. Die Segel schlagen. Ich hole die Schoten dicht und berge das Großsegel. Nach wenigen Minuten wieder absolute Windstille. Ein schwarzen tiefes Wolkenband zieht über uns hinweg. Schon beginnt es wieder aus der alten Richtung zu wehen. Ok, Segel wieder auf. Die Prozedur wiederholt sich einige male bis sich der Wind bis zum Nachmittag auf Nord Ost einweht. Wir haben den 35. Breitengrad gen Süden überquert. Die Wetterprognose stimmt. Gemächlich schaukeln wir dahin. Es stimmt auch, dass wir um ein großes Flautengebiet nicht herum kommen. Über Funk stimmen wir uns mit den "Sunshines" ab und zünden das eiserne Vorsegel. Der brav brummende Diesel sorgt ab jetzt für konstante Fahrt, kühles Bier und volle Batterien. Der Tag geht, die nächste Nacht kommt. Wir sind schon viel entspannter. Gelegentlich tragen wir unsere Position in die Seekarte ein und stellen fest, das wir schon eher als vorausberechnet, ein Drittel der Strecke hinter uns gelassen haben. Ich markiere die Hälfte der Distanz in der Karte und Anne kalkuliert unser Bergfest für morgen Mittag. Sie hat gut gerechnet. Fast auf die Stunde genau können wir nach einer ruhigen sternenklaren faszinierenden Nacht Halbzeit feiern. Wir nähern uns der "Lady Sunshine" bis auf weniger als eine halbe Kabellänge an. Wir bereiten die Übergabe sorgfältig vor. Drei frische portugiesische gekühlte Sagres Pilsener werden in einen schwarzen Müllsack verpackt. Das Ganze wird fest an eine Leine gebunden. Wir segeln dicht vor den Bug der "Lady Sunshine", lassen die leckere wertvolle Fracht zu Wasser und fieren die Leine bis Längsseite der "Sunshine" jetzt sorgfältig Kurs und Geschwindigkeit halten. Steffi schnappt sich den Bootshaken und fischt das konspirative Bündel aus der See. Ben bekommt beim Anblick der Hopfenkaltschale große Kulleraugen, genau wie der kleine Speckbudha Junus .

"Halbzeit, Bergfest, Proooost!" Rufe ich herüber. In den Weiten des Atlantiks schmeckt das Sagres erstaunlich gut.

Der Tag dümpelt genauso dahin wie wir. Die Sonne zeigt sich nur ab und zu mal. Deshalb taufen wir die "Lady Sunshine" kurzer Hand in "May be Sunshine" um. Wir genießen einfach das "Sein" im "Hier und Jetzt", so wie es in vielen Esoterik Büchern seit Jahren gelehrt wird. Zu reparieren und basteln gibt's nichts dringliches. Unsere Tage verbringen wir fast ausschließlich draußen in der Plicht. Auch die Nächte verbringen wir kaum unter Deck. Die Luft wird schon merklich wärmer südlich des 30. Breitengrades. Sobald die Sonne unter geht wird es feucht an Deck. So feucht als hätte es geregnet. Wir bauen unsere Kuchenbude auf. Das ist ein ein Zelt über dem hinteren Teil des Schiffes, mit Folienfenstern versehen, so dass man rundherum hinaus schauen kann. Diese Kuchenbude, wie sie unter Seglern heißt, ist eine tolle Erfindung aus den kühlen nordischen Regionen um das Segeln dort erträglicher zu machen. Weil es im Hafen gern schon zum Kaffee trinken aufgebaut wird, kam man wohl auf die Bezeichnung "Kuchenbude". Einige Male wollten wir das sperrige Ding schon samt Gestänge von Bord verbannen, doch jetzt sind wir richtig froh, dass wir es an Bord gelassen haben, denn es bietet uns Nachts einen trockenen und gemütlichen zusätzlichen Lebensraum an Deck. Unsere Gartenlaube darf also bleiben.

Heute morgen haben wir uns durch die Nacht gequält. Wir fühlten uns am Vortag fit und munter und hatten beide vergessen, während des Tages gelegentlich mal die eine oder andere Stunde zu schlafen. Das rächt sich in der Nacht. Irgendwann ab drei Uhr sind wir dann so müde, das wir es nicht nett vom anderen finden, dass er schon wieder schläft. 

Ich trage unsere Position in die Seekarte ein und siehe da: plötzlich sind es nur noch 36 Seemeilen bis zu den ersten vorgelagerten Inseln der Kanaren. Aus dem Dunst des Vormittags tauchen die ersten Vulkankegel auf. Land in Sicht! Uns überkommt ein Gefühl von Freiheit und die Möglichkeit auch einfach weiter segeln zu lässt die Anspannung der ersten Tage auf See verblassen. Die Tage auf See haben unser seemännisches Selbstbewusstsein gestärkt. Wir fühlen uns fit und sind sehr stolz, diese unsere bisher längste Etappe geschafft zu haben. "Wollen wir jetzt wirklich schon an Land?" Fragen wir uns Beide. Doch die Neugier siegt und so steuern wir die kleine Insel La Graciosa nördlich von Lanzarote an. Eigentlich bräuchten wir eine Sondergenehmigung für diese als Naturreservat ausgewiesene Insel. Auch das Ankern soll laut Seehandbuch nur. It Genehmigung möglich sein. Wir lassen uns mal überraschen. Gegen Abend steuern wir vorbei an den gewaltigen Steilhängen von Lanzarotes Nordküste und können ganz klein, weit oben den verglasten Aussichtspunkt des Künstlers Manrike erkennen. Gleich dort gegenüber liegt La Garaciosa mit seinen weissen hufeisenförmigen Sandbuchten. Das Wasser leuchtet in hellem türkis. Obwohl es noch über 10 Meter tief ist, können wir bis auf den Grund schauen.

Schon einige andere Segler haben sich n dieser Bilderbuch Bucht versammelt. Unser Anker fällt auf 8 Meter Tiefe. Das Thermometer zeigt 24 Grad Wassertemperatur! Woooww! Anne traut ihren Augen nicht: noch bevor sie ihren Bikini angezogen hat, hörte sie mein lautes platschen, als ich, für mich "Warmduscher" selbst kaum vorstellbar, im türkis-blauen Meer versank.

 

Danach eine gut gekühlte Flasche Weisswein und wir freuen uns über das schöne Leben vor Anker. Ein neuer Tag beginnt. Es gibt viel zu entdecken! Das Dingi wird startklar gemacht, der Außenbordmotor am kleine Heckkran herabgelassen und ab geht's durch das Ankerfeld an Land.

531 Seemeilen von Portugal nach la Graciosa

"Bonito Time"

mit dem Jagdfieber werden auch die Fische immer GRÖSSER

Atlantik...bergauf...bergab

100 Stunden gemeinsam mit "Lady Sunshine" der Wärme entgegen


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Kommentare: 1
  • #1

    Fam. Luka (Freitag, 11 November 2016 13:01)

    Hallo und Petri Heil! Schöne große Fische! Die gibt's sonst nur in Wendisch-Evern am Zuchtteich! Ihr seht glücklich und zufrieden aus! Weiter so! Liebe Grüße!